Der Grüne Brief
 


DER GRÜNE BRIEF


Kleingärtner-Bezirksverband Lüneburg e.V.
 
 
 
Das grüne Gewinnspiel
 
Die besinnliche Zeit des Jahres naht und auch viele Kleingärten werden weihnachtlich geschmückt. Zeigt sie uns! Jedes Bild eines festlich geschmückten Gartens nimmt an der Verlosung teil.
Jeder kann mitmachen, einfach ein Foto von dem festlich geschmückten Garten machen, dazu schreiben in welcher Kolonie er sich befindet (wenn möglich die Nummer des Gartens) und hierherschicken.
 
Einsendeschluss ist der 06.01.2021
 
Zu gewinnen gibt es natürlich auch etwas. Das Los entscheidet über die Gewinner.
 
1. Preis: Ein Gutschein für einen Baumarkt über 90,- Euro
2. Preis: Ein Gutschein für einen Baumarkt über 60,- Euro
3. Preis: Ein Gutschein für einen Baumarkt über 30,- Euro
 
Die Bedingungen:
Der Garten muss zu einer Kleingartenkolonie gehören die dem Kleingärtner-Bezirksverband Lüneburg angeschlossen sind.
Die Fotos einsenden darf jeder, egal ob Vorstand, Mitglied oder Besucher einer Kleingartenkolonie.
Gewinner ist immer der Pächter des geschmückten Gartens.
 
 
Leckeres zum Fest
Festlicher Käsekuchen mit weißer Schokolade
 
Zutaten
Für den Boden
200 g Amarettini-Kekse
125 g Butter
Für die Füllung
300 g weiße Kuvertüre
Ein Löffel Öl
200 g Creme Fraiche
600 g Frischkäse
5 Spritzer Zitronensaft  
 
Zum Garnieren
100 weiße Kuvertüre
 
Zubereitung      
Die Amarettini-Kekse kleinbröseln (z.B. in einer Schüssel oder einem Klarsichtbeutel), dann die zerlassene Butter darüber gießen und vermischen. Damit den Boden einer Springform gleichmäßig bedecken.
 
Kuvertüre mit dem Öl in einem Kochtopf unter Rühren und wenig Hitze zum Schmelzen bringen.
 
Frischkäse, Creme Fraiche und Zitronensaft verrühren. Die geschmolzene Kuvertüre hinzugeben und weiter verrühren.
Die Frischkäse-Schokoladen-Masse auf den Boden aufbringen.
 
Weiße Kuvertüre zum Garnieren raspeln und auf dem Kuchen verteilen.
5 Stunden im Kühlschrank kaltstellen.
 
Fertig!
 
 
Weihnachten mal anders

Weihnachten bei Freunden zuhause
 
Wollen wir andere Traditionen zum Weihnachtsfest erleben, brauchen wir gar nicht weit reisen. Auf den britischen Inseln gibt es einige Kleinigkeiten die sich von den Feierlichkeiten  in Deutschland unterscheiden.
 
In der Adventszeit wird hier wie dort geschmückt und alles feierlich hergerichtet. Auf der Insel schwirren  in der Advents- und Weihnachtszeit sehr viele Weihnachtskarten durch die Gegend, die Christmas Cards sind sehr beliebte Sammelobjekte und werden wie Trophäen gesammelt und bei Tee und Keksen gemeinsam bewundert.
 
Während hier die Kinder mit großen Augen am Heiligen Abend auf den Weihnachtsmann warten, der ihnen die Geschenke bringt, kommt Father Christmas auf leisen Sohlen in der Nacht zum 25. Dezember ins Haus, vorzugsweise durch den Kamin, füllt dort die aufgehängten Christmas Stockings (bunte Strümpfe) und legt die größeren Geschenke unter den geschmückten Baum.
 
An den beiden Weihnachtsfeiertagen dreht es sich in Deutschland hauptsächlich um Familie und Essen, gemütliches Beisammensein im Kreis der Lieben, dazu gutes Essen und leckere Kekse vielleicht.
Das ist größtenteils auch in Großbritannien so,  aber am 26. Dezember ist der sogenannte Boxing Day. Früher wurden am Boxing Day den Hausangestellten Geschenke, Geld oder übrig gebliebenes Weihnachtessen  in einer Box überreicht, eine  Erklärung für den Namen. Heutzutage ist der Boxing Day, wie so vieles anderes, dem Kommerz verfallen. Er ist oft ein verkaufsoffener Feiertag vergleichbar mit dem Black Friday in den Vereinigten Staaten.
 
 
Die weihnachtliche Geschichte
Die Suche des Engels
 
von Sascha Rhein
11/98 – 12/98

 
Ein dickes weißes Tuch hatte sich über die Landschaft gelegt, die Konturen verschwammen zu sanften Wellen, die in Regungslosigkeit erstarrt waren, und die Äste der Bäume bogen sich unter der Last des Schnees. Vereinzelt fielen noch leicht dahinschwebenede Flocken vom Himmel ihren weiten Weg hinab, und dennoch war ein gewaltiges Rauschen zu vernehmen - wenn man sich nur die Mühe machte hinzuhören. In der Ferne knirschten die Autoreifen und die Stiefel auf der frischgefallenen Pracht. Aber nur in der Ferne.
Der Mond bestrahlte das Weiß und die Nacht, die jetzt zu Weihnachten noch durch die bunten Lichter der Stadt erhellt wurde, schien aus sich selbst heraus zu leuchten, so als wisse sie selbst um die Bedeutung dieser besonderen Zeit.
Schneemänner waren aufgetürmt und standen einträchtig nebeneinander, denn dieses Jahr hatte es schon früh Schnee gegeben, so daß die Kinder viel Zeit für ihre Arbeit gehabt hatten. Und auch wenn manche Figuren merkwürdig aussahen, weil sie spitze Ohren oder einen frechen Kopf mit Strubbelhaaren hatten, so lächelten sie doch alle durch eine aufgesteckte Banane oder eingedrückte Kieselsteine.
Doch der kleinen Lena war nicht zum Lachen zumute. Sie stapfte mit ihrer Krücke durch den weichen Schnee, und mehr als einmal drohte sie auszurutschen. Seit dem Unfall, als sie noch ein ganz kleines Mädchen gewesen war, das noch nicht einmal in den Kindergarten ging, war ihr linkes Bein steif geblieben, weil ihr Kniegelenk dabei völlig zertrümmert worden war. Aber wieviel eher wünschte sie sich, daß auch noch das andere Bein steif sei, wenn bei diesem unseligen Zusammenstoß auf spiegelglatter Fahrbahn nicht ihre Mutter und ihr Vater getötet worden wären. Sie haßte den Schnee!
So schnell es ihre Behinderung erlaubte, humpelte sie durch den kleinen Park, der direkt vor den Toren der verschlafenen Stadt lag. Der Liebesgrund, wie ihn die Einwohner liebevoll nannten, war ein altes Stück der ehemaligen Wehranlagen gewesen und nun mit dichten hohen Bäumen bestanden, die das Licht des Mondes, der in dieser Nacht ja voll am Himmel stand, fast vollkommen aussperrten.
Nachts wurde dieser Park deswegen gern gemieden, doch Lena hatte keine Wahl gehabt. Sie war spät dran, weil sie noch den ganzen Tag die Postkarten zu verkaufen versuchte, die sie und die anderen Heimkinder an vielen müheseligen Abenden selbst gemalt und gebastelt hatten. Sie blieb stehen und nahm sich ein paar von ihnen in die Hand. Sie waren naiv, befand Lena, und man sah ihnen an, daß sie von kleinen Kindern gemalt worden waren, die außer
Hoffnungen nicht viel hatten. Lena war gerade erst zwölf Jahre alt geworden, doch in dieser Hinsicht konnte ihr niemand mehr etwas vormachen. Schon auf den Bastelabenden hatte sie öfters zu Schwester Agathe gesagt, daß sie mit den Postkarten nur ihre Zeit verschwenden würden. Lena hatte nur zwei Stück verkauft - wie fast jedes Jahr. Und diese zwei Karten hatte die dicke Frau, der man ihr schlechtes Gewissen förmlich ansah, auch sofort in die Mülltonne geworfen, als sie glaubte, unbeobachtet zu sein. Lena hatte hinter einen Baum gewartet. Sie schaute sich die vielen Postkarten, die sie übrigbehalten hatte, noch einmal genauer an. Die dicke Frau hatte wohl recht gehabt, sie waren nicht nur naiv sondern auch häßlich. Lena nahm den Schwung Karten und warf sie in den nächsten Papierkorb.
Ein Stöhnen riß sie aus ihren Gedanken. Sie schaute sich erschrocken um und packte die
Krücke fester. Da, an dem großen Baum direkt neben dem Sandweg hockte ein junger Mann gelehnt. Er schien Schmerzen zu haben, denn er hielt sich mit beiden Händen den Kopf und stöhnte immerfort.
Langsam ging Lena näher heran. Angst hatte sie eigentlich nicht, denn sie wußte, daß sich niemand für einen Krüppel interessierte. Ja, daß wußte sie nur allzu gut von den vielen Besuchen adoptierfreudiger Erwachsener in ihrem Kinderheim.
Der junge Mann war ganz in schwarz gekleidet, doch die Kleidung sah zwar teuer und edel aber für diese Jahreszeit viel zu dünn aus. Obwohl es ihm nicht kalt zu sein schien, hockte er starr an den Baum gelehnt und hatte seine Augen geschlossen. Kurz erschrak sich Lena, denn er schien nicht zu atmen, doch seine Haut war viel zu rosig, als daß der junge Mann hätte tot sein können.
Vorsichtig näherte sie sich ihm. Wenn er sie wahrgenommen hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Sie legte ihre kleine Tasche in den Schnee, streckte die Krücke weg und versuchte umständlich in die Hocke zu gehen, was ihr bei ihrem steifen Bein recht schwer fiel. Sie schaute sich den jungen Mann genauer an. Er war wohl schön, obwohl sie nicht viel auf Aussehen im Allgemeinen und männlichen Mitmenschen im Besonderen gab. Denn was sie
von Jungen zu halten hatte, erfuhr sie öfter als ihr lieb sein konnte, wenn Lenas Klassenkameraden Witze über ihre Behinderung machten.
Doch dieser junge Mann war besonders. Er hatte ein ganz klares Gesicht, und selbst in diesem Zustand, wo er sich unbeobachtet fühlen mußte, schien er zu lächeln. Mit der Hand berührte sie sein langes, dickes Haar, das nußbraun glänzte und das er offen trug.
Plötzlich schlug der Fremde die Augen auf. Lena wich sofort ein wenig zurück, während sie zu ihrer Krücke griff. Mühselig richtete sie sich wieder auf.
"Hab keine Angst", sagte der junge Mann mit einer weichen, warmen Stimme. Die Worte schwirrten in ihren Kopf, so als ob sie sich gar nicht lange in ihren Ohren aufgehalten hätten. "Ich habe keine Angst", gab sie schroffer zurück als sie es beabsichtigt hatte. Sie packte ihre Tasche, die sie auf den Boden abgelegt hatte, und wandte sich zum Gehen um. Doch etwas hielt sie zurück, ein unbestimmtes Gefühl.
"Stehen sie lieber auf, sie holen sich sonst noch den Tod." Lena hatte sich noch einmal halb zu dem jungen Mann umgedreht. Er hatte die Augen wieder geschlossen, und diesmal, als sie genauer darauf achtete, fiel ihr auf, daß er wirklich nicht zu Atmen schien.
"Ich weiß", sagte der junge Mann mit geschlossenen Augen.
"Ich werde vergehen", fügte er nach einer kleinen Pause hinzu und schlug dabei die Augen auf. Er schaute sie an, bis ganz tief in ihr Innerstes.
"Haben sie etwas getrunken?", argwöhnte Lena, die die merkwürdigen Vorlieben der Erwachsenen nicht besonders schätzte. Sie mochte nicht, wie vertraut der junge Mann sie behandelte. Und doch spürte sie so etwas wie Wärme in ihrem Bauch. Ein seltsames Gefühl, das sie auch ein bißchen wütend machte.
"Nein, Lena. Ich werde bald nur nicht mehr da sein", sagte der junge Mann und richtete sich ein wenig auf.
"Woher kennen sie meinen Namen?", fragte Lena erschrocken und sie umgriff die Krücke erneut ein wenig fester.
"Ich kenne alle Menschen", antwortete der junge Mann mit einem Schulterzucken, als wäre es das Normalste auf der Welt.
"Na klar - und ich bin die Prinzessin von China. Oder eher von Krückistan", fügte sie leise und bitter hinzu.
"Ich bin ein Engel, Lena", erklärte ihr der junge Mann. Er stand jetzt aus der Hocke heraus auf. Dabei brauchte er sich den Schnee nicht von seinem dünnen Mantel zu klopfen, denn er fiel einfach von ihm ab.
"Und sie vergehen jetzt?", fragte Lena mit einer gehörigen Portion Ironie. Sie lachte allein für sich - wie immer, denn sie war es gewohnt, daß niemand ihre Art von Humor teilte. "Ja", war die schlichte Antwort für das Mädchen.
"Vergehen? Was ist das bloß für ein alberner Ausdruck?" Sie lachte etwas verächtlich.
"Engel können nicht sterben, Lena. Weil sie nicht geboren werden. Wir waren einfach da, seit Gott uns geschaffen hat und wir uns erinnern können. Und so können wir auch nicht sterben, sondern einfach nur vergehen. Wie eine Wolke an einem heißen Sommertag." Der junge Mann lächelte versonnen.
"Nicht das es mich sonderlich interessiert, denn eigentlich müßte ich langsam mal ins Heim zurück, aber vielleicht wollen sie mir auch sagen, weshalb sie vergehen." Sie befürchtete, daß sie jetzt vielleicht noch zur Polizei mußte, denn dieser junge Mann schien wirklich Hilfe nötig zu haben. Von der Schule her wußte sie, was unterlassene Hilfeleistung war, und auf noch mehr Ärger hatte sie wenig Lust. Vielleicht würde er hier draußen noch erfrieren. "Die Schwarzen Männer haben den Zweifel in mir entdeckt", gab er ihr als Erklärung zur Antwort, so als sei dies die selbstverständlichste Sache auf der Welt.
"Die Schwarzen Männer. So, so", Lena schüttelte mit dem Kopf. Natürlich hatte sie in diesem Sommer die Men in Black im Kino gesehen. Wie so viele Kinobesucher in Deutschland. Manchmal war die Heimleitung sogar spendabel und ließ ihre Zöglinge lustige Dinge unternehmen. Manchmal jedenfalls, dachte Lena bitter. Das diesen Spinnern aber auch nichts Neues einfiel, dachte sie enttäuscht.
"Mach' dir nichts draus, auch ich zweifle manchmal. Sogar an vielen Dingen, wie den Sinn von Talkshows oder ob Jungen wirklich ein Gehirn haben." Oder der Gerechtigkeit im Leben, dachte sie traurig. "Aber das ist kein Grund zum Vergehen. Vergehen, war doch richtig, oder?" Sie lachte erneut spöttisch.
"Wenn Engel nicht mehr Glauben, dann vergehen sie“, stellte der junge Mann noch einmal fest.
„Also das mit dem Vergehen ist mir eigentlich ziemlich egal“, meinte Lena schroff. „Aber du kannst hier nicht liegenbleiben. Wir wäre es einmal mit Weggehen?“ Sie stutzte insgeheim darüber, wie schnell sie zum vertraulichen Du hinübergewechselt war. Aber das passierte ihr meistens, wenn sie ihre Mitmenschen für nicht ganz zurechnungsfähig hielt.
„Ich kann hier nicht weg. Ich bin zu schwach.“ Bedauern lag in der Stimme des jungen Mannes, doch er klang dabei nicht wehleidig.
„Und ich kann dich hier nicht liegenlassen. Das würde der Polizei überhaupt nicht gefallen, wenn sie dich dann später erfroren finden würden.“ Sie schaute zur nicht weit entfernten Straße. Doch am Weihnachtsabend war sie menschenleer.
„Eine Polizei wird mich hier nicht finden. Die Schwarzen Männer werden bald hier sein und mich abholen.“
„Hör zu, mich interessieren diese Schwarzen Männer nicht sonderlich. Und wenn ich dich hier wegbringen will, dann mußt du schon ein bißchen helfen.“ Sie war auf den jungen Mann zugegangen und funkelte ihn wütend an.
„Weshalb brauchst du Hilfe?“, fragte der junge Mann erstaunt.
„Bist du blind?“, gab Lena erbost zurück. „Ich bin ein Krüppel, und tragen könnte ich dich wohl selbst ohne meine Behinderung nicht.“
„Gib mir deine Hand, Lena.“
Lena gehorchte widerwillig, auch wenn sie es eigentlich gar nicht wollte. Sie beugte sich ein wenig nach vorn, soweit es ihr steifes Bein und die Krücke zuließen. Dann berührte sie die Hand des jungen Mannes – und erschrak, denn sie schien überhaupt keine Temperatur zu haben. Nicht das sie kalt war. Nein, nur konnte Lena einfach keine andere Temperatur feststellen als die ihrer eigenen Hand.
Doch der junge Mann hielt ihre Hand ohne spürbaren Druck fest, und so als ob er auch kein Gewicht hätte, zog er sich ohne Probleme für Lena an ihrer dargebotenen Hand hoch.
„Wohin gehen wir?“, fragte der junge Mann mit matter Stimme.
„Wenn dein Problem das Zweifeln und der Glaube sind, dann sollten wir in die Kirche gehen. Manchen Menschen hilft das.“ Nur mir nicht, dachte sie.
„Die Nikolaikirche liegt direkt da vorn“, fügte sie hinzu, als sie das fragende Gesicht des jungen Mannes sah.
Mißtrauisch schaute Lena das Portal der mittelalterlichen Kirche hinauf. Von weitem sah man nur ihre Kirchturmspitze, da sie in dieser kleinen Stadt von unzähligen Häusern umgeben war. Wenn man die Eingangsfassade betrachten wollte, mußte man sich auf den kleinen Platz, der von einer Bebauung frei geblieben war, direkt vor das Gebäude stellen. Und dann schienen die Mauern schier endlos in die Höhe zu streben. Lena hatte die böse Vermutung, daß ihre Erbauer genau dies im Sinn gehabt hatten, damit sich die Menschen vor dem Haus Gottes klein und unbedeutend fühlen sollten.
„Warum habt ihr dieses Haus bloß so hoch in den Himmel hinein gebaut?“, fragte der junge Mann, so als hatte er Lenas Gedanken erraten.
„Ich meine nur“, fügte er hinzu, „das es doch gar keinen Sinn macht. Damals hatten die Menschen noch Platz genug auf der Erde, und bei den Bauten in dieser Höhe sind so viele von ihnen gestorben.“
„Einschüchterung“, meinte Lena mit einem Achselzucken.
„Einschüchterung?“, wiederholte der junge Mann.
„Na klar, das Haus Gottes mußte höher als alle anderen Gebäude sein. Dafür sorgte die Kirche
schon mit Erlassen. Dem Einzelnen sollte klar vor Augen geführt werden, daß er im
Angesicht Gottes ein Niemand war.“
„Aber niemand ist für Gott unbedeutend. Ihr seid alle gleich viel wert“, gab der junge Mann fassungslos zurück.
„Ach ja? Davon spürt man hier unten nicht sonderlich viel“, meinte Lena spöttisch.
„Zu viele Jahre“, murmelte der junge Mann niedergeschlagen.
„Was meinst du?“ Lena schaute ihn fragend an.
„Ich bin einfach nur so viele Jahre nicht mehr hier gewesen. Es ist so viel passiert mit der Menschheit.“
„Schon recht“, meinte Lena schulterzuckend. „Auch ich war schon einige Zeit nicht mehr in der Kirche gewesen. Aber das macht nichts, denn im Moment lassen sie noch jeden rein. Obwohl sie zu Weihnachten am liebsten nur die braven Kirchensteuerzahler dabei haben würden.“ Sie lachte kurz auf.
„Laß uns mal lieber hineingehen, hier draußen ist es nämlich ziemlich kalt.“ Sie mußte sich hüten, daß sie ihn nicht vollends ernst nahm. Aber er erschien ihr gar nicht so sehr verwirrt, denn seine Augen waren noch immer von einer Klarheit, die sie noch niemals gesehen hatte.
Und wenn sie genau darauf achtete, schien er auch noch immer nicht zu Atmen.
Lena öffnete mit einem Quietschen die große Eingangstür, und es bereitete ihr erhebliche Mühe, denn sie mußte andauernd aufpassen, daß ihr die Krücke nicht wegrutschte. Schwer und kräftig hing der Geruch des alten Gemäuers und von Weihrauch in der Luft. Auch roch sie die vielen Kerzen, die selbst im Zeitalter der Elektrik in Kirchen noch immer angezündet wurden. Einige wenige Menschen saßen in ihren Bänken, und obwohl sie alle Andacht zu halten schienen, war es nicht still in der Kirche. Man hörte das schwere Atmen der Menschen, gelegentlich ein Husten oder Schniefen in ein Taschentuch – so hoffte sie jedenfalls -, und wenn die Besucher wieder gingen, hallten ihre Schritte laut durch das Kirchenschiff. Die gute Akustik des Gebäudes sorgte dafür, daß auch die unerwünschten Nebengeräusche fast unerträglich laut wurden.
Lena setzte sich in eine der hinteren Reihen auf die rechte Seite der großen Halle. Der junge Mann stand noch immer im Gang und schaute sie fragend an, bis Lena ihn mit einigen Zeichen dazu aufforderte, sich ebenfalls zu setzen.
„Überall gläubige Menschen“, flüsterte Lena, als sie auf die anwesenden Besucher zeigte. „Nimm Dir ein Beispiel an ihnen und zweifle nicht mehr.“ Und geh endlich nach Hause, fügte sie etwas entnervt in Gedanken hinzu.
Der junge Mann schaute sich in der Kirche um. Dann schloß er die Augen und blickte lange und nachdenklich auf die einzelnen Besucher.
Es dauerte eine lange Weile, und Lena wollte gerade aufstehen und gehen - denn immerhin konnte sie den jungen Mann hier im Haus Gottes wohl beruhigt allein lassen -, als der junge Mann plötzlich die Augen aufschlug und Lena anschaute. Sie erschrak fast ein bißchen dabei. „Es ist niemand unter ihnen, der Hoffnung aus seinem Glauben zieht“, stellte er schließlich fest.
„Das weißt du also nach einem kleinen Rundblick“, spöttelte Lena.
„Ich habe in ihre Herzen geschaut. Es ist keine Hoffnung da.“
„Und warum kommen sie sonst hierher, wenn sie nicht an Gott glauben?“, wollte Lena wissen.
„Oh gewiß, sie glauben an Gott. An ein Wesen, daß für sie einen Gott darstellt. Für manche ist es ein weißer Mann mit Bart im Himmel, für andere wieder die ganze Natur mit all ihrem Leben. Und diesem Wesen erzählen sie ihre Sorgen – aber für niemand hier ist Gott die Hoffnung. Und was ist Gott für euch Menschen sonst anderes? Diese Menschen sind nur hier, weil sie einsam sind. Keine Familie, keine Freunde, sonst wären sie jetzt nicht hier.“ Der junge Mann sank ein wenig in sich zusammen.
„An was sollen wir Menschen auch glauben, auf was sollen wir hoffen?“
„An alles, Lena. An alles.“ Die strahlenden Augen des jungen Mannes wurden immer matter.
„Ich kann doch nicht an alles glauben, was ich möchte?“, lachte Lena unsicher.
„Warum denn nicht? Was könnte daran verkehrt sein, immer das Schönste zu erwarten, den
Menschen immer ohne Argwohn und auf das Freundlichste zu begegnen?“
„Man bekommt oft nichts dafür zurück, wenn man nett ist“, stellte Lena schlicht fest.
„Muß man das denn, Lena?“, fragte der junge Mann traurig.
„Es wäre schön“, sagte Lena leise.
„Den Anfang könnt ihr immer nur selber machen.“ Er lächelte sanft. Doch plötzlich drehte er den Kopf zum Eingang herum.
Die Tür wurde aufgestoßen und zwei Männer standen dort. Beide trugen sie schwarze
Kleidung, ähnlich der des jungen Mannes neben Lena. Doch ihre Augen waren von dunklen Sonnenbrillen verdeckt, ihre Haare ohne Konturen wie mit Haargel zurückgekämmt, während sie feine, dunkle Anzüge trugen, deren Material zu schimmern schien. Und sie trugen beide feine Schnurrbärte, die so weit hinabhingen, daß ihre Gesichtszüge selbst dann böse und grimmig erscheinen mußten, wenn sie Lächeln wollten. Doch Lena war sich sicher, daß sie so etwas gar nicht vorhatten.
„Sie sind sehr nahe“, meinte der junge Mann zu Lena. „Wer?“, fragte sie gedehnt. „Deine Schwarzen Männer?“ Der junge Mann nickte nur langsam.
„Dann laß uns hier raus“, forderte Lena ihn auf, während sie die Bank weiter entlang rutschte.
„Es gibt hier nämlich einen Hinterausgang.“
„Es wird wenig Sinn haben“, setzte der junge Mann an.
„Wenig ist immer noch besser als gar nichts“, gab Lena trotzig zurück. „Und außerdem hast du mir ja selbst gerade lange Vorträge über den Glauben und das Hoffen gehalten. Das muß ich jetzt wohl kaum noch einmal wiederholen, oder?“
Zögernd kam ihr der junge Mann hinterher. Lena humpelte so schnell es ihr Bein und die Krücke zuließen in Richtung des Altars und von dort aus in das Seitenschiff der Kirche. Schnell warf sie einen Blick nach hinten, doch die beiden Schwarzen Männer standen noch immer am Eingang und schnüffelten mit ihren Nasen. Sie sogen die Luft ein, wie Spürhunde, die etwas suchten.
„Es sind zu viele Menschen die Zweifeln und hier und jetzt genau mit diesem Gedanken beschäftigt sind. Darum haben sie uns noch nicht entdeckt“, antwortete der junge Mann hinter Lena, ohne das sie die Frage dazu hatte stellen müssen.
„Kannst du etwa meine Gedanken lesen?“, fragte sie erstaunt.
„Natürlich“, nickte der junge Mann. „Schließlich bin ich ein Engel“, fügte er als Erklärung hinzu.
„Dann hör sofort damit auf“, befahl Lena. Sie hatte die Seitentür erreicht. Sie war nicht verschlossen, daß wußte Lena von Besuchen mit dem Heim vor einigen Jahren in der Kirche, wenn sie es vor Langeweile nicht mehr aushielt und nach draußen mußte. Aber sie ging wegen einer Menge Rost an den Scharnieren nur sehr schwer auf. Sie stellte ihre Krücke an die Seite und zog mit ihrem ganzen Gewicht.
„Wenn du ein Engel bist, warum hilft dir Gott dann nicht vor den Schwarzen Männern“, brachte sie unter Keuchen hervor. Langsam und Stück für Stück vergrößerte sie den Spalt. „Weil Gott auch die Schwarzen Männer erschaffen hat. Seine Schöpfung ist perfekt, niemand braucht seine Hilfe wirklich. Alles soll genau so passieren, wie es geschieht.“
Sie hielt in ihrer Arbeit kurz inne und schaute ihn an. Er meinte es ernst, daß sah sie in seinen
Augen. Sie schüttelte mit dem Kopf und widmete sich wieder der Tür. Und endlich war der Spalt groß genug, daß sie hindurch paßten. Mit Hilfe der Krücke humpelte sie ins Freie, während sie mit einem kurzen Blick über die Schulter feststellte, daß die Schwarzen Männer langsam und schnüffelnd die Kirche durchquerten. Sie waren ihnen auf den Fersen.
Lena war außer Atem, während der junge Mann mühelos neben ihr her zu gehen schien. Das Kopfsteinpflaster der Straße ließ ihre Bemühungen auch nicht gerade einfacher werden.
Immer wieder drehte sie sich um, doch bis jetzt konnte sie keine Spur dieser unheimlichen Schwarzen Männer, die in der Kirche erschienen waren, entdecken. Vielleicht hatten sie sie abgeschüttelt, dachte sie kurz. Aber sie konnte nicht so recht daran glauben. Viel zu aufmerksam schien ihre Schnüffelei gewesen zu sein.
Erschöpft drückte sie sich in einen Hauseingang in der Nähe des kleinen Marktplatzes. Der junge Mann blieb ebenfalls stehen und schaute sie fragend an. Schnell zog ihn Lena zu sich in den Schatten ihres Verstecks und spähte vorsichtig die Straße hinab in Richtung der Kirche. "Ich kann sie nicht mehr sehen. Puh, da habe ich uns einen ganz schönen Vorsprung herausgehumpelt, oder?" Sie lachte kopfschüttelnd.
"Sie sind gleich hier", sagte der junge Mann unbeeindruckt.
"Was?", und erschrocken schaute Lena auch in die anderen Richtungen. Doch nirgends konnte sie eine Spur der Schwarzen Männer entdecken.
"Es ist keine Frage der räumlichen Entfernung", erklärte der junge Mann. "So etwas spielt nur für euch sterbliche Menschen eine Rolle."
"Na ja, wir sind eben auch nur sterblich", ahmte sie seinen lehrerhaften Tonfall nach. "Sie wissen, daß ich zweifle, daß spüren sie. Und genauso werden sie mich auch finden. Ich kann ihnen gar nicht entkommen. Je weniger ich glaube, desto schneller werden sie hier bei mir sein." Er schüttelte betrübt mit den Kopf.
"Dann hör eben auf, zu Zweifeln", entgegnete ihm Lena barsch. "Das ist nicht so einfach", setzte er an.
"Nein? Auch nicht für einen Engel?"
"Gerade für uns nicht." Er überhörte den Spott in ihrer Stimme.
"Warum hast du denn erst angefangen?" Sie verdrehte die Augen, denn sie ahnte, daß jetzt eine lange Geschichte folgen würde, und sie war keinesfalls davon überzeugt, daß sie so etwas jetzt hören wollte, frierend auf ihre Krücke gestützt in der Weihnachtsnacht. Na, viel lockt mich auch nicht gerade zurück ins Heim, dachte sie resignierend.
"Ich war immer bei Gott", fing der junge Mann an zu erzählen. "Ich habe ihn bei seiner Schöpfung geholfen, wie viele von meinen Brüdern und Schwestern. Doch auch das gehörte alles zu seinem Plan, denn Gott ist allmächtig - er hätte unsere Hilfe nicht gebraucht, wenn er es nicht auch gewollt hätte. Es war eine wunderschöne Arbeit, der Erde bei ihrer Entstehung zuzusehen, den Pflanzen und Tieren. Und natürlich auch dem Menschen." Er hielt kurz inne, während Lena ihn fragend anschaute, denn schließlich konnte das jetzt noch nicht alles gewesen sein.
"Einige von uns waren anfangs ziemlich neidisch auf euch Menschen. Wißt ihr das eigentlich?"
"Darauf, daß wir schwach geboren werden, unser Leben lang mit Krankheiten gesegnet sind, und noch nicht einmal unser Ende, wenn wir alt im Bett liegen und nichts mehr alleine machen können, würdevoll ist?" Oder darauf, daß unser Leben viel zu kurz ist? Und sie dachte an ihre Eltern und den Autounfall. Wut stieg in ihr auf.
"Darauf, daß ihr fühlen könnt, Lena." Er lächelte sanft, und ein Teil ihrer Wut verflog.
"Fühlen?"
"Ja, fühlen. Wir können es nicht. Weder Schmecken, noch Riechen und Ertasten, ja nicht einmal Sehen." Er lachte kurz auf.
"Klar, deswegen lauft ihr auch überall gegen." Hielt er sie etwa für ein kleines Kind? "Wir können nicht sehen", erklärte er ihr, "jedoch wissen wir einfach, wo alles ist. Schließlich haben wir Gott dabei geholfen." Er machte eine kurze Pause und dachte nach. "Es ist wie mit deinen Gedanken. Du kannst sie nicht sehen, doch weißt du fast immer, wo sie sind. Und bei uns funktioniert es noch ein wenig besser, denn wir können auch nichts vergessen." "Gar nichts? Dann möchte ich lieber kein Engel sein." Die Vorstellung, nichts vergessen zu können, erfüllte sie mit Erschrecken. Doch wenn sie ehrlich zu sich war, wußte sie, daß sie die schlimmen Dingen auch nicht vergaß. Den Unfall, obwohl er viele Jahre her war, hatte sie noch immer nicht aus ihren Gedanken verdrängen können. Kein Bild, kein Geschrei und auch nicht den Gestank von Blut und dem kaputten Auto.
"Auch ich würde manchmal gern vergessen", sagte der junge Mann plötzlich, so als habe er wieder Lenas Gedanken gelesen. Doch diesmal störte es sie nicht.
"Wie geht deine Geschichte weiter?", fragte Lena leise.
"Der Neid auf euch flackerte bei den meisten von uns nur sehr kurz auf, denn Gott hatte uns nicht als neidische Wesen erschaffen. Bei einigen jedoch war er stärker als bei den anderen, und sie wollten die Menschen vernichten, wenn sie schon nicht so wie sie sein konnten. Der Teufel ist kein einzelnes Wesen, sondern vielmehr eine finstere Macht: Die Schwarzen Männer, gefallene Engel. Es gab eine Art Auseinandersetzung zwischen den Engeln - ihr würdet es Krieg nennen. Es gab keinen Sieger, und immerhin das unterscheidet uns nicht von euren Arten der Auseinandersetzung." Erneut hielt er inne, und sein Gesicht verzehrte sich vor Schmerz, als er an die Vergangenheit dachte.
Lena nahm zögernd und nur kurz seine Hand, doch diesmal erschrak sie nicht, als sie keine Temperatur spürte.
"Erzähl bitte weiter", forderte sie ihn auf.
Er schaute sie kurz an und fuhr dann mit belegter Stimme fort: "Ich habe lange geschlafen, mich von der Anstrengung dieses Krieges ausgeruht. Es herrschten dunkle Jahrhunderte auf dieser Erde, als ich und meine Brüder und Schwestern schliefen. Jahre des Unglaubens, der
Ausbeutung, der Folterung und Hinrichtung Unschuldiger. Denn wer ist vor Gott, dem
Schöpfer allen Lebens und höchsten Richter, selbst nicht unschuldig?"
Lena wußte darauf keine Antwort, doch sie war dennoch davon überzeugt, daß viele Menschen eine Strafe für ihre Taten verdient hatten.
Der Engel schüttelte kurz bedauernd mit dem Kopf und erzählte dann weiter: "Ich sah, was in den Jahren unseres Schlafes passiert war, doch ich konnte es kaum glauben. Fast niemand schien mehr zu Glauben, die Hoffnung war von dieser Welt verschwunden. Hatte unser Tun denn einen Sinn gehabt? Oder war Gottes Schöpfung einfach nicht richtig gewesen. Und mit diesem Zweifeln kamen auch die Schwarzen Männer. Denn sie hatten nicht geschlafen. Sie werden niemals schlafen."
"Aber es gibt doch genug Menschen, die an Gott glauben. Glaube ich jedenfalls", setzte sie entschuldigend hinzu.
"Wo, in der Kirche?", fragte der junge Mann leise.
"Vielleicht nicht gerade dort. Aber hier in den Häusern, bei ihren Familien. Warum sonst sollten die Menschen diesen Tag so prächtig und aufwendig feiern? Die Geburt Jesu Christi, des Sohn Gottes." In Religion hätte ich dafür jetzt eine Eins bekommen, dachte sie mit einem Lächeln.
"Schau mal dort hinüber", forderte sie der junge Mann matt auf.
"Wo, zum Kaufhaus K..."
"Marken und Namen spielen hier keine Rolle", unterbrach er sie. "Schau dir einfach einmal das Schaufenster an und erzähle mir, was du siehst."
"Dort vorn ist das Reisebüro. Anzeigen über Flüge in die Dominikanische Republik, nach Mallorca..."
"Und was steht dort groß drüber?"
"Entkommen sie dem Weihnachtsstreß", las Lena von dem Plakat ab. „Aber...“ "Und daneben?", unterbrach sie der junge Mann müde.
"Da ist nur ein kleines Plakat, das jemand dort nicht ganz gesetzestreu von außen an das
Fenster geklebt hat."
"Genau das meine ich." Er nickte mit dem Kopf.
"Weihnachtsdisco", las Lena vor. "In Ordnung, ich glaube, ich weiß, was du meinst.“ "Und dann nimm den ganzen Konsum dazu. Das viele Spielzeug für die Kinder - und das für die Erwachsenen. Die ganzen Geschenke und Gaben, die Umsatzrekorde der Wirtschaft. Können Verwandte oder Freunde aus irgendeinem Grund nicht zum Fest vorbeikommen ist das nicht so schlimm. Aber wehe jemand hat das falsche Geschenk gekauft, dann fließen Tränen - im besten Fall! Feiern die Menschen Weihnachten und die Geburt Jesu Christi? Oder feiern sie nur ihren Egoismus?" Er sah traurig aus.
"Nun ja...", begann Lena kleinlaut.
"Und feiern sie überhaupt?", fragte der junge Mann, als über ihnen ein Fenster aufgemacht wurde und der Lärm eines handfesten Familienstreits zu ihnen hinunter drang.
"Ich weiß es nicht", mußte Lena ehrlich zugeben.
"Ich auch nicht. Aber ich zweifle daran."
Lena wollte ihn gern trösten, doch sie wußte nicht, wie sie es anstellen sollte. Und als sie in
Richtung der Kirche blickte, aus der sie gekommen waren, sah sie in der Straße die zwei Schwarzen Männer. Ihre Köpfe waren zum Boden gerichtet, und sie schienen noch immer zu schnüffeln.
"Schnell, wir müssen hier weg", forderte sie den jungen Mann auf und packte ihn, so gut es ihre Krücke erlaubte, am Mantel.
"Was für einen Sinn soll das haben", fragte er mir leiser Stimme.
"Hoffnung?", entgegnete sie ihm trotzig. Und gemeinsam machten sie sich auf dem Weg, die Einkaufsstraße hinab, tiefer in die weihnachtliche Stadt hinein.
 
„Hier komme ich oft her, wenn ich alleine sein will“, brachte Lena völlig außer Atem keuchend hervor. Sie blickte auf die langsam dahinfließende Ilmenau, den kleinen Fluß, der die Stadt durchteilte. Überall waren Eisschollen zu sehen, die auf dem Wasser trieben, denn nur am Ufer hielt sich das Eis etwas länger. Die Gischt hatte bizarre Formen an der Uferböschung erschaffen, und die Bäume ragten wie fantastische Schneefiguren mit ihren knorrigen Ästen auf das dunkel daliegende Wasser hinaus. In der Ferne war das Tosen der herabfallenden Fluten von dem kleinen Wehr her zu hören.
„Aber du bist hier nicht allein“, riß der junge Mann sie aus ihren Gedanken. „Ich sollte es allerdings sein“, sagte sie hastig. „Lauf schon vor, damit sie dich nicht erwischen. Mir werden sie wohl nichts tun.“ Hoffentlich, dachte Lena. Der Weg war von dem Neuschnee etwas rutschig und mit ihrer Krücke kam sie nur sehr schwer voran.
„Ich habe es dir doch schon erklärt“, begann der junge Mann. „Es ist keine Sache der räumlichen Entfernung...“
„...sondern des Glaubens“, beendete Lena etwas genervt den Satz.
„Und außerdem“, meinte der junge Mann zwinkernd, „ würde ich auch, wenn es nicht so wäre, bei dir bleiben wollen.“
„Aber wieso“, fragte Lena erstaunt und vermutete eine gedankliche Falle. War ihr etwas entgangen?
„Weil du die ganze Zeit an mich geglaubt hast. Seit wir im Hauseingang standen und ich dir meine Geschichte erzählt habe, hast du an mich geglaubt. Daran, daß ich ein Engel bin.“ Er lächelte müde aber sanft. Seine Augen hatten einen merkwürdigen doch wunderschönen Glanz.
„Ja.“ Sie nickte sachte. „Ich denke, ich habe schon von Anfang an gewußt, daß du ein Engel bist. Seit ich dich das erste Mal gesehen habe.“
„Dann hast du aber eine sonderbare Art, daß zu zeigen“, neckte der junge Mann sie.
„Deine Schmerzen erschienen mir so unecht“, setzte Lena an.
„Unecht?“, fragte der Engel neugierig.
„Hm“, sie nickte und suchte nach den passenden Worten. „Vielleicht ist es die Weihnachtszeit, die mich so traurig macht. Traurig und...“
„Wütend?“ Es war keine Frage sondern eher eine Feststellung.
„Ja, wütend.“ Eine Träne lief ihr die Wange hinab, während sie auf den Boden starrte. „Ist schon gut“, beruhigte sie der junge Mann. „Ich kann doch deine Gedanken lesen. Ich weiß, daß du deine Behinderung ungerecht findest. Und ich weiß auch, daß du deine Eltern vermißt.“
„Menschen nehmen kleine Mädchen bei solchen Gesprächen jetzt in den Arm“, sagte Lena und zog trotzig die Nase hoch. Sie legte den rechten Arm des jungen Mannes um ihre Schultern.
„Ich dachte mir bei unserer ersten Begegnung im Park, daß ich dir gern zeigen würde, was für Zweifel ich in meinem Inneren mit mir herumtrage, Tag für Tag. Und dennoch lebe ich damit“, sagte Lena leise an den jungen Mann gelehnt.
„Deswegen wollte ich dich ja kennenlernen, Lena“, erklärte der junge Mann.
„Das war kein Zufall?“, fragte Lena erstaunt und trat einen Schritt zurück.
„Zeig mir den Ort, den du hier am liebsten magst“, lenkte der junge Mann von Lenas Gedanken ab und ging etwas voraus.
Lena schüttelte den Kopf und ging ihm humpelnd nach. Sie marschierten auf die Wehranlage zu. An ihrer einen Seite lag eine kleine Wiese versteckt zwischen den Bäumen und dem kleinen Fluß.
„Hier sind wir“, meinte Lena erschöpft. Sie schaute nach oben in den Himmel, und nachdem die Wolken ihre Last schon im Laufe des Tages auf das Land hatten fallen lassen, waren die Sterne jetzt klar und deutlich zu erkennen. Gebannt schaute auch der junge Mann mit ihr in den Himmel.
Schweigend standen sie eine Weile beieinander, bis Lena die Stille beendete: „Es sind schöne
Lichter, nicht wahr? So warm.“
„Die Sterne?“, fragte der junge Mann sanft.
„Nein“, lachte Lena. „Die Lichter in den Fenstern. Sie zeigte über den kleinen Fluß hinweg, wo eine große Brücke zu einer Wohnsiedlung etwas außerhalb der Stadt führte. Überall strahlten die festlichen Lichter aus den Fenstern der Wohnungen, so daß sie dem Sternenhimmel an Helligkeit fast noch übertrafen.
„Ich kann die Hoffnungen und die Freude der Menschen bis hierher spüren.“ Sie schaute versonnen zu den Lichtern. „Warum sollte ich mir sonst wünschen, dazu zu gehören?“ Der junge Mann beantwortete ihre Frage nicht, sondern legte etwas unbeholfen den Arm um sie und schaute mit ihr zu den Häusern hinüber.
Sie drehte sich um, als sie ein Geräusch hinter sich hörte und erstarrte vor Schreck. Am Rande der Wiese waren die beiden Schwarzen Männer erschienen und schritten unaufhörlich auf Lena und den jungen Mann zu. Wie hatte sie die nur vergessen können, schalt sie sich. Mit etwas Angst aber viel Trotz stellte sie sich vor den Engel.
Was würde nur passieren, dachte sie fieberhaft. In paar Augenblicken würden sie sie erreicht haben. Und dann? Nur noch wenige Schritte fehlten, und Lena konnte die Gesichter, die kein Gefühl auszudrücken können schienen, jetzt ganz deutlich erkennen. Sie waren nicht häßlich oder abstoßend. Sie waren nur einfach leblos.
Und dann hatten sie Lena und den jungen Mann erreicht – und marschierten körperlos durch sie hindurch! Erstaunt drehte sich Lena zu den jungen Mann herum, und der Engel erstrahlte in einem gleißenden Licht. Doch es tat ihren Augen nicht weh, sondern wärmte sie bis ins Innerste ihres Herzens.
„Wenn ein kleines Mädchen, das in ihrem Leben nicht viel Glück gehabt hatte, den Mut hat, ihren Zweifeln zu trotzen und mit ihnen zu Leben, dann ist Gottes Schöpfung wahrhaft ohne Fehler. Und wie kann ich, ein Engel, da hinter deinen Glauben und deiner Hoffnung zurückstehen?“
„Geh bitte nicht“, murmelte Lena leise, als der Engel begann, in die Höhe zu schweben. Doch es war Mut und nicht Trauer, der sie erfüllte.
Der Engel stieg immer höher in den Himmel auf, und auch wenn sein Licht immer kleiner wurde, strahlte er noch immer mit einer außerordentlichen Wärme. Am Ende war er nur noch ein weiteres Licht zwischen der unendlichen Fülle der Sterne.
„Zweifel nie wieder, Engel“, wünschte ihm Lena schließlich.
„Zweifeln?“, fragte eine Frauenstimme plötzlich hinter ihr.
Lena drehte sich erschrocken um. Hinter ihr stand ein junges Pärchen Arm in Arm und schaute sie neugierig an.
„Ach nichts“, versicherte Lena den beiden schnell. Sie griff nach ihrer Krücke, die sie an einen Baum gelehnt hatte und wollte so schnell wie möglich von dieser Wiese verschwinden. Sie war schon ein kleines Stück weit gekommen, als sie erneut die Stimme der jungen Frau hinter sich hörte.
„Warte mal, Kleine!“ Das Pärchen kam ihr gemeinsam hinterhergelaufen, während Lena resignierend stehen blieb.
„Ja?“, fragte sie etwas schroffer als sie beabsichtigt hatte.
„Was machst du um diese Uhrzeit hier?“, fragte die junge Frau unbeeindruckt.
„Und sie?“, gab Lena zurück.
„Wir haben hier zu Weihnachten unseren ersten Kuß getauscht“, erklärte der Mann freundlich. „Nun kommen wir jedes Jahr wieder hierher, um uns daran zu erinnern.“ Die junge Frau nickte und schaute ihn verliebt an.
„Schön“, sagte Lena. „Und ich muß jetzt zurück ins Heim humpeln.“ „Ins Heim?“, fragte das verliebte Pärchen wie aus einem Mund.
„Ein Kinderheim, was denn sonst?“ Wenn sie nicht so dumme Fragen stellen würden, könnten sie vielleicht ganz nett sein, dachte Lena.
„Du mußt doch nicht an so einen Tag in ein Heim, Kleine?“, fragte die junge Frau erschrocken und ungläubig zu gleich.
„Hast du denn keine Verwandten?“, wollte der Mann wissen.
„Warum sollte ich wohl sonst ins Heim wollen?“, fragte Lena. „Wegen der Gemütlichkeit?“ Sie schüttelte mit dem Kopf.
„Warum kommst du nicht mit uns“, fragte die junge Frau und lächelte.
„Stimmt, es ist genug zu Essen für uns alle da. Verhungern wird keiner“, lachte der Mann.
„Mit euch?“, fragte Lena erstaunt und auch etwas ungläubig.
„Na klar!“, meinte die junge Frau und der Mann nickte.
„Und das Heim?“, fragte das Mädchen mit nachlassender Gegenwehr.
„Rufen wir von zu Hause aus an. Es ist nicht weit.“ Der Mann deutete Lena an, daß sie vorgehen sollte. Dann hakte er sich bei seiner Freundin unter, und gemeinsam gingen sie von der Wiese auf den Weg am Ufer des kleinen Flusses zurück.
Es hatte plötzlich wieder angefangen zu Schneien, doch als Lena in den Himmel nach oben schaute, konnte sie noch immer einen einzelnen Stern sehen. Und der strahlte in selben Moment einmal kurz hell auf – als ob er ihr zuzwinkern wollte.
 
 
 
- Ende -
 
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