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Schon nach dem zweiten Bier kamen sie ins Fachsimpeln. Wie immer.
Tomaten. „Sag mal, wann fängst du dieses Jahr mit der Aussaat an?“, fragt Horst und angelt sich ein frisches Bier. Und schon ging es los: Anzuchtbedingungen, richtige Erde, Pikieren, Licht, Krankheiten, Blattläuse, weiße Fliegen – sie waren sofort mittendrin. Die Funken aus der Feuertonne stoben in den dunklen Himmel, während sie immer tiefer ins Thema rutschten.
Plötzlich hält Ole inne. „Hör mal“, sagt er langsam, „was wär eigentlich, wenn wir die Samen mit Feuer taufen?“ Horst zieht eine Augenbraue hoch. „Mit was?“
„Na, mit Feuer. Einmal richtig. Dann sind die abgehärtet. Da kommt nix ran.“
Er grinst. „Aber das muss punktgenau um Mitternacht sein. Sonst bringt das nix.“
Horst verschwindet in der Laube und kommt mit einer kleinen Dose zurück. Er öffnet sie vorsichtig. „Tomatensamen“, sagt er stolz. „Überall zusammengesammelt. Italien, Polen, sogar welche aus Spanien.“
Er überlegt kurz. „Wir machen das. Aber nicht alle. Sicher ist sicher.“
Als die Uhr Mitternacht schlägt, stoßen sie mit einem weiteren Bier an.
„Das wird unser Tomatenjahr“, sagt Horst überzeugt. „Dieses Mal holen wir den Pott.“ Mit den Samen in der Hand gehen sie einmal um die Feuertonne herum und versuchen, ein paar Funken einzufangen. Dabei wird ihnen plötzlich klar, wie schräg das eigentlich aussieht. Sie bleiben stehen, sehen sich an – und bringen die Samen kommentarlos zurück in die Laube.
„Äh…“, macht Ole.
Horst räuspert sich. „Du… hast du noch ein Bier?“
„Klar doch.“
Und schon ist die Stimmung wieder gut.
Sie zünden ihr kleines Feuerwerk an, freuen sich über die bunten Lichter am Himmel und setzen sich anschließend wieder auf die Bank. „Reicht auch“, sagt Ole zufrieden. Kurz darauf schlafen sie selig ein.
Am nächsten Morgen kommen sie nur langsam zu sich. Horst will als Erstes aufs stille Örtchen, doch kaum steht er vor der Laube, ist er schlagartig wach.
Überall sprießt und grünt es. Aus den Blumenkästen, aus den Fugen im Boden, sogar aus der Spüle wachsen riesige Tomatenpflanzen. An manchen hängen schon dicke, feuerrote Früchte.
„Ole…?“, fragt Horst leise.
Dann lauter: „Ole! Du musst dir das angucken!“
Ole kommt raus, reibt sich die Augen – und bleibt stehen.
„Das gibt’s doch gar nicht“, murmelt er. „Tomaten. Im Januar.“
Nachdem sie sich lange genug überzeugt haben, dass sie nicht träumen, gehen sie zu den Nachbarn.
„Ja nee, ist klar“, meint Jürgen, der Obergärtner. „Ihr habt wohl ein bisschen zu tief ins Glas geschaut.“ Aber neugierig sind sie dann doch alle.
Als sie schließlich in der Laube stehen, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Jürgen blieb wie angewurzelt stehen. Sein Blick wanderte von der Spüle mit den rankenden Pflanzen über die Tomaten, die sich an der Gardinenstange hochzogen, bis zu einer prallen, glänzenden Frucht, die seelenruhig auf der Sitzbank lag, als hätte sie dort schon immer hingehört.
„Das…“, begann er und brach ab. „Das ist biologisch unmöglich.“
„Hab ich auch gesagt“, murmelte seine Frau Gerda, die inzwischen ebenfalls hereingeschneit war. „Im Januar! Ohne Zusatzlicht! Und guck mal die Blätter – kein Mehltau, nix!“
Ole kratzte sich am Kopf. „Vielleicht war’s doch das Feuer“, sagte er vorsichtig und leise zu Horst. Der nickte langsam. „Oder das dritte Bier nach Mitternacht.“
Schnell sprach es sich herum. Aus Garten 7 kam Mehmet, der sonst nur Gurken zog. Aus Garten 22 die alte Schachtel – persönlich. Sie musterte die Tomaten mit zusammengekniffenen Augen.
„Feuerwerk war aber verboten“, knurrte sie.
„Das waren… äh… botanische Experimente“, sagte Ole.
Die Alte pflückte eine Tomate, roch daran, biss hinein – und schwieg. Dann steckte sie sich wortlos noch eine ein. „Schmeckt“, sagte sie schließlich. „Aber ich will Samen.“
Am Ende des Vormittags stand die halbe Kolonie um die Laube herum. Es wurde gefachsimpelt, probiert, diskutiert. Jürgen zog sogar sein Notizbuch hervor. „Wir nennen sie Solanum ignis nordica“, sagte er ehrfürchtig. „Oder einfach Feuerfleischtomate“, schlug Horst vor.
Gegen Mittag saßen Ole und Horst wieder auf der Bank, beide mit einem Kaffee in der Hand. Die Tomaten raschelten leise im Wind, als würden sie zuhören.
„Meinst du, wir sollten das nochmal machen?“, fragte Ole.
Horst schüttelte entschieden den Kopf. „Nee. Ein Wunder pro Jahr reicht. Außerdem…“ Er grinste. „Wenn wir das rumerzählen, will nächstes Silvester jeder mit ’ner Feuertonne seine Paprika verzaubern.“
Sie lehnten sich zurück. Über der Kleingartenkolonie hing ein sachter Duft nach Rauch, Erde und Tomatenlaub. Und irgendwo tief in der Laube knackte leise eine weitere Frucht auf – feuerrot, mitten im Januar.
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